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Frauen auf dem Abstellgleis

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Ines Müntener-Graf, Betriebsökonomin FH und Inhaberin von u-shoe

Arbeiten, reisen, Essen gehen, sich weiterbilden, den Hobbys nachgehen, Ausgang; der Lauf im Hamsterrad war eigentlich ganz okay, hat mich aber nicht mehr befriedigt. Mir hat einfach etwas gefehlt, der Wunsch, eine Familie zu gründen, wurde immer grösser. Und schon war das erste Kind da, das ganze Leben wurde umgekrempelt, die Prioritäten anders gesetzt und alles stimmte. Neben der Familie habe ich nach 6 Monaten Pause meine alte Stelle mit reduziertem Pensum wieder aufgenommen. Schon bald meldete sich erneut Nachwuchs an, 19 Monate nach der Geburt des ersten Sohnes kam der 2 Sohnemann zur Welt. Erneut wurde wieder vieles anders und ich beschloss ganz bewusst, mir diesmal eine längere Pause von ungefähr einem Jahr zu gönnen. Die Zeit verging im Nu. Als ich mich wieder auf einen Wiedereinstieg vorbereiten wollte, war plötzlich alles nicht mehr so einfach. Beim bisherigen Arbeitgeber bestand kein Bedarf mehr, Jobs mit meinem Background und einem Pensum von 50% gab so gut wie fast keine im Raum Bern. Oder dann kamen dort über 200 Bewerbungen rein. Was nun? Bis zu meiner längeren Auszeit als Mutter, hatte immer alles reibungslos geklappt, die Jobs stimmten, meinen Arbeitseinsatz leistete ich mit Freude und auf einmal will dich KEINER mehr? An was lag es? Auf dem RAV bekam ich den Tipp, die Kinder im Lebenslauf nicht aufzuführen, weil sie noch so klein waren. Hä? Meine Kinder gehörten zu meinem Leben und ich wollte diese nicht verschweigen. Zudem war ja die Betreuung gut abgesichert. Und wieso sollten Kinder überhaupt ein Problem sein? Wie viele Männer auf Chefetagen oder in anderen Kaderjobs haben selber Kinder? Und wieso ist dort die Kinderfrage nie ein Problem? Klar, wir Mütter pflegen unsere Kleinen meist gesund, sie suchen unsere Nähe am ehesten, wenn es ihnen schlecht geht. Aber das ist doch völlig menschlich und kommt auch nicht jeden Monat vor. Was vielen nicht bewusst ist, als Mutter macht man eigentlich auch gleich eine Weiterbildung in Organisation, Belastbarkeit, Umgehen mit wenig Schlaf, Kreativität und und und…

Ja da war ich nun, eine Frustration machte sich mehr und mehr breit, die Frage wo ich hingehöre wurde immer grösser. Sollte ich doch ein paar Jahre einfach Hausfrau sein? Aber verpasste ich dann nicht noch einmal mehr den Anschluss für einen Wiedereinstieg? Wieso hatte ich mich überhaupt über all die Jahre mit Weiterbildung und Studium abgemüht? War mein Wert auf dem Arbeitsmarkt nur wegen dem Kinderkriegen von 100 auf 0 gesunken?

Ab und zu fand ich dann doch ein Stelleninserat, welches mir entsprach und ein paar Vorstellungsgespräche klappten dann auch. Aber DEN Job, welchen ich mit Freude angetreten hätte, den fand oder bekam ich nicht. Anstatt in Selbstmitleid zu versinken, beschloss ich, den Weg aus der aktuellen Situation selber in Angriff zu nehmen. So kam ich auf die Idee, meine Passion für schöne Sachen, speziell Schuhe und Accessoires und meine Erfahrungen im Online Business, zusammenzufügen. Daraus entstand ein Startup, ein Online Shop. Der Name war rasch gefunden, u-shoe: dein Schuh. Bis der Shop online gehen konnte, gab es jede Menge zu tun. Einiges kannte ich aus meiner Vergangenheit, vieles war aber Neuland für mich und ich eignete es mir selber an. Aus meinem Bekanntenkreis bekam ich bei Problemen oder Fragen zu Spezialthemen (rechtliche Aspekte oder wenn es ums Programmieren ging) Beratung oder Hilfe. Ende November war es soweit, mein Online Shop ging online. Wow, was für ein gutes Gefühl! In der Zwischenzeit arbeite ich wieder 50% als Projektleiterin in einer Unternehmung, was mich aber nicht abhält, mein Startup weiter zu etablieren. Die Zeit ist knapp, die Passion aber gross. Den Job habe ich nicht gesucht, wie es im Leben so ist, suchst du nicht, kommt es auf dich zu. Ich bin glücklich über meine verschiedenen Aufgaben als Mutter, Angestellte und Selbständige und habe die Weiche, welche mich vom Abstellgleis weggeführt hat, gefunden.

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Karin
Gast
Karin

Einfach nur wow! Ein genialer Text und ich kann jedes Wort unterstützen….vor allem dass man an Marktwert verliert weil man nur noch Teilzeit arbeiten will um so Familie und Beruf zu vereinen.
Eine grosse Herausforderung für unsere Gesellschaft die noch nicht soweit ist um zu sehen, dass Mütter neben dem Studium und Weiterbildungen neue und nützliche Fähigkeiten erworben haben, die im Job wieder gewinnbringend eingesetzt werden können.

Kristina
Gast
Kristina

Gratuliere Ines, nur traurige Umstände die dich dazu trieben! Alles gute weiterhin und werde auf deinem U-shou Shop sicher mal stöbern! Lg Kristina

Linda Finkel
Gast
Linda Finkel

Super Artikel, Ines! Ja, das klingt echt nach einer Perfekten Kombination: Anstellung, selbständig und Family 🙂 Bei mir fehlen nur die Kids 😉 Selbständig zu sein ist eine echte Herausforderung und ich stehe auch immer noch am Anfang. Darum bin ich froh, ein kleines und unabhängiges (home office) Pensum als Angestellte zu haben!

Liebi Grüess!!!